Erfahrung mit Demenz (Tag3)

Ich hatte mich mit Frau Mica, die an Demenz erkrankt ist, für heute verabredet. Als ich im Seniorenheim ankam, stand Frau Mica mit Ihrer Jacke bekleidet schon in der Tür. Noch bevor ich Sie begrüßen konnte, entgegnete Sie mir, das Sie zum Arzt müsse und noch viele Termine habe.

demenz in der Praxis
Demenz im täglichen Leben 

Wie schon bei meinem letzten Besuch, war ich auf derlei alterspezifische "Eventualitäten" eingestellt und habe Frau Mica einen Kuchen mitgebracht. Als ich Ihr den Kuchen zeigte, entspannten sich Ihre Gesichtszüge doch sehr schnell und ich durfte zu Ihr in die Küche. Sie freute sich jetzt sehr über mein Mitbringsel, ein Umschwenken der Gefühlslage, wie es typisch ist für demenzkranke aber auch ältere Menschen, die relativ alleine z.B. in einem Seniorenheim leben. Ich sagte Ihr dann, dass wir jetzt zum Kaffeetrinken gehen würden, worauf Sie auch keine Einwände hatte.

Sie sehen, es funktioniert. Man darf sich, ob solcher Umstände, nur nicht aufregen und aus der Ruhe bringen lassen. Denn dann tritt ein kontraproduktiver Effekt auf, der die anfängliche ablehnende Haltung entsprechend verschärft. Insgesamt machte Frau Mica dennoch einen etwas sehr unruhigen Eindruck. So nahm Sie ihre Tasche, ich den Müllbeutel und wir gingen gemeinsam Richtung Cafeteria.

Nachdem wir uns setzten und einen Kaffee tranken, klagte Sie mir wieder über Ihre Probleme mit den Augen und das der Arzt Ihr keine neue Brille verschreiben will. Wir unterhielten uns dann noch eine ganze Weile über Gott und die Welt. Im Zuge der Gespräche wurde Frau Mica auch zusehends ruhiger.

Nachdem wir in der Cafeteria fertig waren, bot ich ihr an, noch zur Abendandacht zu gehen. Bei dieser Gelegenheit erzählte mir Frau Mica auch, dass sie sehr gläubig erzogen sei und früher jeden Sonntag mit Mutter und Vater in die Kirche gegangen sei. Sie wollte dann wissen, wie lange das denn dauern würde. Ich sagte ihr, so ungefähr eine halbe Stunde, und sie willigte dann ein.

Bei der Andacht angekommen, begrüßte uns eine eine Dame. Frau Mica wußte nicht wirklich, wie Sie damit umgehen sollte. Da war ein Mensch, den Sie nicht kennt und der jetzt Ihre Nähe in Form einer persönlichen Begrüßung sucht. Für Frau Mica und ihre Demenz kein einfacher Umstand. Nach der Andacht erzählte sie mir, dass Sie gestern im Theater gewesen sei, das Stück aber ausgefallen sei. Nach einer Weile wiederum erzählte Sie mir, dass das Theaterstück doch sehr schön gewesen sei. Diese Schwankungen der Wahrnehmung sind halt ein typisches Merkmal der Demenzerkrankung.

Frau Mica hat übrigens eine sehr feine Art des Humors. In vielen Phasen gibt sie dann auch lustige Anekdoten zum besten bei denen wir beide ganz herzlich lachen können. Nach der Rückkehr ins Seniorenheim haben wir uns gedrückt und eine gute Nacht gewünscht. Sie strahlte und hat sich bei mir ganz herzlich bedankt.

Ich freue mich schon auf mein nächstes Treffen mit Frau Mica...