Alltag mit Demenz (Tag2)


Ich bin heute erstmals mit Frau Mica, die an Demenz leidet, verabredet. Wie beim ersten Treffen mit Ihr besprochen, habe ich Sie angerufen und mit Ihr noch einmal unser Treffen und Spazierengehen besprochen. Als ich vor Ihrer Tür in der Seniorenpflege-Einrichtung stehe, klopfe ich an. Frau Mica öffnet mir und begrüßt mich ganz herzlich und bat mich herein.

demenz und demenz im alltag
Demenz im Alltag 

Als ich Frau Mica dann sagte, dass wir zum Spaziergehen und Kaffeetrinken verabredet sind, entgegnete sie, dass sie gar keine Zeit habe. Denn es käme gleich der Pflegedienst und dann müsse Sie ja zur Stelle sein. Denn Sie habe Probleme mit den Augen und Sie brauche Ihre Tropfen. Diese Reaktion haben Sie vielleicht auch schon einmal bei einem älteren Menschen erlebt, auch unabhängig von einer Krankheit.

Auf der einen Seite möchte man nicht alleine sein und freut sich auf Dinge wie Besuche. Auf der anderen Seite fühlen sich ältere Menschen dann, wenn Sie mit dieser gedanklichen neuen Situation auch in der Realität konfrontiert werden, oft abweisend unter Angabe von möglichen Vorwänden wie Arztterminen, Unwohlsein und vielem mehr. Wenn man sich dann aber erst einmal zu dem Menschen setzt und mit ihm spricht, dann findet man auch oft einen Zugang, weil die aufgebaute spontane "Barrikade" durch die Unterhaltung ganz schnell überbrückt wird.

Gleiches trifft auch auf Mica zu. Es geht ja jetzt darum "wirklich" einen Spaziergang zu machen und vielleicht einen Kaffee zu trinken und das ist jetzt eine ungewohnte Situation für sie. So gehe ich auch beruhigend auf das Thema Pflegedienst ein und merke an, dass ich Ihr eine Tüte mit gemischten Obst mitgebracht habe. Sie bittet mich darauf hin in Ihre kleine dem Zimmer angeschlossene Küche. Dort schneide ich das Obst. Wir essen gemeinsam und trinken dazu etwas Wasser. Frau Mica ist jetzt merklich ruhiger und hat mein dasein jetzt auch akzeptiert und freut sich sichtlich über meine Gesellschaft.

Sie beginnt von Ihrer Mutter und Ihrer Familie zu erzählen. Es sind schöne und bewegende Geschichten aus einer berührenden Vergangenheit. Dann habe ich Frau Mica vorgelesen aus dem Buch "Augenblicke der Nähe". Sie hat dazu die Bilder im Buch angeschaut und dazu Erinnerungen erzählt. Aus Ihrem Erzählen wird auch deutlich, dass Frau Mica eine Frau mit einem ausgeprägtem Pflichtbewußtsein ist und möchte, dass alles perfekt ist.

Sie vertraut mir auch an, dass Sie mich mag. Gleichsam und offen sagt sie im selben Moment dann aber auch, dass wenn sie einen Menschen nicht leiden kann, sie diesen ganz schnell rausschmeißen würde. Mit dem Wissen hierüber bin ich natürlich sehr erfreut, dass mir nicht dieses Schicksal zuteil geworden ist, sondern ich Ihr Vertrauen gewinnen konnte. Diese Offenheit oder auch vermeindlich empfundene "Altersschroffheit" begnet einem sehr häufig wenn man mit Menschen in einer Pflegeeinrichtung zu tun hat. Dies ist zum Teil auch mit einer Art von Schutz- und Trotzfunktion zu erklären. Man fühlt sich vielleicht einsam, alleingelassen, oder aber z.B. auch gestört von Menschen, die sich vermeindlich kümmern wollen. Eine Schroffheit in Aussagen sollte von daher nicht persönlich genommen werden und läßt sich mit der nötigen Geduld und Einfühlungsvermögen auch oft bereinigen.

Ich nahm dann zum Abschied noch Ihre Zeitungen mit und wir haben uns ganz herzlich verabschiedet und für Montag einen neuen Besuchstermin ausgemacht. Sie winkte mir wieder zum Abschied und ich freue mich auf Montag...